„If you know one person with autism, you know one person with autism“…

mit diesem Zitat von Dr. Stephen Shore startet Julian Leske am Donnerstag seinen autobiographischen Vortrag zum Leben mit Autismus, zu dem Prof. Madeira Firmino, Professorin im Studiengang Soziale Arbeit – Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe und Inklusionsbeauftrage an der Fliedner Fachhochschule, eingeladen hat. Denn dies sei wichtig im Hinterkopf zu behalten, während man durch seine Erfahrungen tiefer in das Leben mit Autismus eintaucht. Das wird auch schon in der kurzen Einführung von Prof. Madeira Firmino klar, die die verschiedenen Arten von Autismus kurz beschreibt und auch darstellt, wie wenig erforscht die einzelnen Gebiete teilweise noch sind.

Autisten als Mathegenies, die soziale Interaktion scheuen und keine Planabweichungen ertragen? Diese Stereotypen können wir nach ein paar Minuten, in denen wir Julian lauschen, getrost bei Seite legen. Der Vortrag beginnt schon unerwartet, denn Julian kommt eine halbe Stunde zu spät. Das sei allerdings keine typisch autistische Eigenart, sondern vielmehr eine Eigenart der Deutschen Bahn – 105 Minuten Verspätung, erklärt uns Julian mit einem Schmunzeln, da half selbst sein großzügig eingeplanter Puffer nicht mehr. Doch was sind denn typisch autistische Eigenarten? Eigentlich gäbe es kaum welche. Außer vielleicht, dass Struktur für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung in der Regel sehr hilfreich sei. „An guten Tagen brauche ich wenig Struktur, an weniger guten Tagen, brauche ich mehr Struktur“, erzählt Julian. Er hat das Glück, in seinem Job einen sehr verständnisvollen Arbeitgeber erwischt zu haben. „Fast alle meiner Kolleginnen und Kollegen waren schon mal auf einem meiner Vorträge – das erleichtert das gegenseitige Verständnis ungemein“, erzählt Julian. Aber sind nicht die Vorträge schon ein mehr als untypisches Hobby für Menschen mit Autismus? Vor vielen Leuten zu sprechen sei ihm nach und nach immer leichter gefallen und mittlerweile genieße er es richtig. Im Gegensatz zu anderen Autisten, die mathematisch extrem begabt seien, liege sein Talent schon von klein auf im Rhetorischen. Mit Mathematik hingegen habe er gar nichts zu tun. Bei ihm wurde Dyskalkulie diagnostiziert und die Wanduhr konnte er auch erst im Alter von 18 Jahren lesen.

Mittlerweile ist Julian 27 und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen für das Thema Autismus zu sensibilisieren. Dazu hatte er viele wertvolle Tipps dabei, die den Alltag für beide Seiten verbessern können. Besonders spannend war der Vortrag für unsere Studierenden, aber auch für viele externe Gäste, die in ihrer täglichen Arbeit mit autistischen Menschen in Kontakt stehen und sich gerne weiterbilden möchten. Wir danken Julian für seinen Besuch, der uns viele gute Impulse und eine Menge gemeinsames Lachen beschert hat!