30 Jahre Pflegeversicherung im Fokus: 6. Fachtagung Pflegegeschichte in Kaiserswerth
Am 3. November 2026 luden die Fliedner Fachhochschule und die Fliedner-Kulturstiftung zur 6. Fachtagung Pflegegeschichte nach Kaiserswerth ein. Unter dem Titel „Ökonomisierung (in) der Pflege – 30 Jahre Pflegeversicherung und nun?“ beschäftigte sich die Tagung mit den organisatorischen und ökonomischen Herausforderungen des deutschen Sozial- und Gesundheitssystems. Anlass war das 30-jährige Bestehen der Pflegeversicherung, die angesichts knapper finanzieller Ressourcen und grundlegender Strukturfragen vor einem erheblichen Reformbedarf steht.
Die Vorträge beleuchteten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Historikerin Junior-Prof. Dr. Nicole Kramer von der Universität zu Köln zeichnete die Entstehung der Pflegeversicherung nach und zeigte, wie politische Entscheidungen aus den 1990er-Jahren – darunter die Einführung einer Teilkaskoversicherung – das System bis heute prägen. Dabei stellte sie auch internationale Vergleiche an.
Prof. Dr. Jürgen Born von der Fliedner Fachhochschule richtete den Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung der Pflegebranche. Er beleuchtete die besondere Struktur des deutschen Pflegemarktes mit seinen zahlreichen kommunalen, freigemeinnützigen und privaten Trägern und ging der Frage nach, welche Chancen und Risiken sich daraus für die Zukunft ergeben.
Einen Einblick in die Situation innerhalb der Pflegeeinrichtungen gab Dr. Pierre Pfütsch vom Institut für Geschichte der Medizin in Stuttgart. Ausgehend vom umfangreichen Archivbestand des langjährigen Pflegekritikers Claus Fussek widmete er sich insbesondere dem Thema Gewalt in der Altenpflege und der historischen Aufarbeitung von Missständen.
Mit möglichen Perspektiven für eine grundlegende Weiterentwicklung des Gesundheitssystems beschäftigte sich anschließend Sonja Laag vom Think Tank IPAG e. V. Sie thematisierte die Widersprüche des historisch gewachsenen Systems und stellte unter anderem eine stärkere Regionalisierung von Versorgungsangeboten und Verantwortlichkeiten als möglichen Lösungsansatz vor.
In der Podiumsdiskussion wurden die historischen Ursachen heutiger Strukturen ebenso diskutiert wie bestehende Widerstände gegen Veränderungen. Dabei wurde deutlich, wie anspruchsvoll die Aufgabe ist, ein Gesundheitssystem zu gestalten, das sowohl bezahlbar ist als auch eine gute Versorgung für die gesamte Gesellschaft sicherstellt. Auch die Bedeutung einer weiteren Stärkung der Fachlichkeit und Wissenschaftlichkeit der Pflege wurde hervorgehoben.
Ein Höhepunkt der Tagung war die Verleihung der Theodor-Fliedner-Medaille von der Kaiserswerther Diakonie für herausragende Innovationen in der Pflege. Den Abschluss bildeten gemeinsame Ausblicke auf die weitere Entwicklung der Pflege sowie eine Führung durch das Pflegemuseum der Fliedner-Kulturstiftung.
Ein herzlicher Dank gilt allen Referent:innen, Organisator:innen und Teilnehmenden sowie unseren Studierenden, die die Veranstaltung tatkräftig unterstützt haben. Mit ihrem Engagement und ihrer Expertise haben alle Beteiligten zu einem intensiven Austausch und einem vielseitigen Fachtag beigetragen.
