- Titel
Was zählt? Ethnomethodologische Analyse von Aushandlungsprozessen über Kulturelle Bildung (A-KuBi)
- Bearbeiter/-innen
Prof. Dr. Fabian Hofmann, Victoria Krause
- Laufzeit
2021 bis 2025
- Kooperationspartner
Deutsche Oper am Rhein
- Kurzbeschreibung
Was zählt als kulturelle Bildung? Diese Frage verweist einerseits auf die Grundlagen des Faches und hat andererseits ganz entscheidende alltägliche Relevanz, wenn kulturelle Bildung mit Kindern praktiziert werden soll. Die vorliegenden Antworten darauf helfen nicht unbedingt weiter; die Debatte über den Begriff kulturelle Bildung ist enorm komplex und unübersichtlich, bereits im Bereich der Bildungsadministration und -politik werden Begriffe ganz anders gehandhabt, und die Vorstellungen der beteiligten Kinder sind von der Forschung noch vernachlässigt.
Daher gilt es, aus Sicht der Akteur:innen zu klären, was warum als kulturelle Bildung verstanden, entworfen und realisiert wird. Werden Abgrenzungen beispielsweise zum Basteln gemacht? Werden bestimmte Kulturbegriffe vorausgesetzt? Und werden diese Vorstellungen untereinander abgestimmt?
Mittels ethnomethodologischer Konversationsanalyse im Rahmen von Videografie wurden in diesem Forschungsprojekt pädagogische Situationen in einem Projekt interaktiven Kinder-Musiktheaters (UFO – Junge Oper Urban | Deutsche Oper am Rhein) darauf untersucht, welche Bezüge („accounts“) von den Beteiligten auf welche Weise eingebracht und verhandelt werden: Welche Handlungen „zählen“ also als kulturelle Bildung?
Damit lassen sich wichtige Zusammenhänge zwischen dem theoretischen Verständnis kultureller Bildung und ihrer empirisch fassbaren Realisierung erhellt: Es lässt sich klären, welche Elemente des Diskurses oder welche Begriffsverständnisse in der Praxis kultureller Bildung genutzt werden und relevant sind.
Methodisches Vorgehen
Das Projekt arbeitet im Rahmen von Ethnomethodologie (Garfinkel 1967/2020; Vom Lehn 2012) und nutzt demait ein Verfahren und einen metatheoretischen Rahmen, der gleichzeitig soziale Strukturen und situative Ereignisse berücksichtigt. Orientiert am Strukturfunktionalismus Parsons‘ und am phänomenologischen Ansatz Schütz‘, entwickelte er eine qualitativ-empirische Vorgehensweise, die normative Orientierungen und strukturelle Rahmungen dahingehend betrachtet, wie sie in konkreten Situationen von den beteiligten Person eingebracht werden. In der Analyse wird nun der Blick darauf gerichtet, welche Bezüge („accounts“) die Interaktionspartner:innen auf welche Weise einbringen und aushandeln. Die Ethnomethodologie nutzt konversationsanalytische Zugänge (Bergmann 2014), wobei zunehmend die linguistisch geprägten Methoden durch soziologisch-verstehende Methoden insbesondere im Rahmen der Videographie (Eberle 1997; Vom Lehn 2018a) ergänzt werden.
Konkret beobachtet wurde das Projekt „UFO – Junge Oper Urban“, bei dem eine klassische Kulturinstitution (Oper) experimentell, sozialraumorientiert und partizipativ arbeitet. Mit einem eigens gestalteten Raumensemble jenseits des Operngebäudes und speziell entwickelten Opern für Kinder ab 3 Jahren suspendiert es sozusagen die übliche soziale Ordnung einer Opernaufführung und schafft Möglichkeiten einer anderen, möglicherweise zeitgemäßeren und kindgerechteren Ordnung. Dies bedeutet jedoch auch, dass die soziale Ordnung nicht über Konventionen hergestellt werden soll, sondern Gegenstand der Aushandlung zwischen Ensemble und Publikum sein soll. Es wurden bei 3 verschiedenen Aufführungen jeweils 2 Erhebungen mit einer Dauer von jeweils ca. 1,5 Stunde vorgenommen. Anschließend wurden 5 Ausschnitte mit einer Dauer von jeweils ca. 5-10 Minuten ausgewählt und auf rund 150 Seiten transkribiert und 3 Ausschnitte (rund 90 Seiten) detailliert analysiert.
Erkenntnisse und Ausblick
In dem Projekt konnte eine sowohl explizite als auch implizite Abstimmung unterschiedlicher Vorstellungen von Kultureller Bildung rekonstruiert werden. Im Rahmen dieses Forschungsprojektes lässt sich noch keine abschließende Typologie erstellen, hierfür wären mehr kontrastierende Fälle zu analysieren. Jedoch sind erste Zusammenhänge erkennbar, nämlich Logiken, wie von den Beteiligten ihre Handlungspraxen untereinander abgestimmt werden.
Die Untersuchung hat weitergehende theoretische Konsequenzen für die Kulturelle Bildung: Entscheidend für die Qualität Kultureller Bildung ist nicht nur die Qualität des ästhetischen Impulses oder des pädagogischen Handelns, sondern auch die soziale Ordnung. Soziale Ordnungen sind jedoch in der Kulturellen Bildung bisher kaum thematisiert. Während beispielsweise soziale Ordnungen wie „Unterricht“ ausführlich erforscht und theoretisch konzeptionalisiert werden, fehlen vergleichbare Forschungen in der Kulturellen Bildung. Es sind also weitere Forschungen nötig, die sich darauf fokussieren, welche Aushandlungsprozesse die Kulturelle Bildung kennzeichnen und welche sozialen Ordnungen für die kulturelle Bildung spezifisch sind. Daran anschließend gilt es, soziale Ordnungen in der Kulturellen Bildung theoretisch zu fassen und Kulturelle Bildung so zu konzeptionalisieren, dass sie sich nicht nur über spezifische Handlungen bzw. Interaktionen (z.B. Theaterspielen), nicht nur über spezifische Anlässe bzw. Gegenstände (z.B. Kunstwerke) und nicht nur über spezifische Wirkungen (z.B. Stärkung ästhetischer Urteilskompetenz) begründet, sondern auch über spezifische soziale Ordnungen.
